Schmerz lass nach!
Patient:innen aus Gelsenkirchen und dem Ruhrgebiet, die unter einer chronischen Schmerzerkrankung leiden, finden seit 1. Mai 2022 kompetente Hilfe am Evangelischen Klinikum. Im Rahmen einer dreiwöchigen intensiven Therapie werden sie durch ein interdisziplinär besetztes Expertenteam wieder fit gemacht. Denn chronischer Schmerz muss kein dauerhaftes Schicksal sein.
„Man kann seine Schmerzen auch vom Kopf her beeinflussen. Dann darf es auch wieder besser werden“, zeigt Dr. Jutta Schröder, Chefärztin der Klinik für Schmerztherapie und Palliativmedizin, die Perspektive für alle Betroffenen auf. Hierfür dreht die Schmerzexpertin „an vielen kleinen Schräubchen“ und schaut so Stück für Stück, wie sie für den individuellen Patientenfall auf den richtigen Weg kommt. Denn die Ursachen von chronischem Schmerz sind ein Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren: Häufig liegt eine körperliche Ursache wie Muskelverspannungen durch längerfristige Fehlbelastung oder mit zunehmendem Alter auch durch Verschleiß der Gelenke vor. Diese Dinge lassen sich meist durch ein wenig Bettruhe, Wärme oder Entzündungshemmer wieder in den Griff bekommen. Bei manchen Menschen verbessert sich der Zustand aber nicht und es entsteht ein Kreislauf: Schmerz erzeugt Angst und Angst erzeugt Schmerz. Hinzu kommen psycho-soziale Faktoren: „Studien zeigen, dass das soziale Umfeld wie die Familie oder der Arbeitsplatz eine enorme Auswirkung auf unser Schmerzempfinden und unsere Bewertung von Schmerz haben. Da geht es letztlich um Fragen wie Ärger in der Partnerschaft, Unzufriedenheit im Job, Mobbing oder fehlende Selbstwirksamkeit“, erläutert Schröder.
Dauerhafter Schmerz macht mürbe
Aber auch das Gesundheitssystem sieht die Ärztin hier in Teilen kritisch: „Es kommen Patienten zu uns, die eine wahre Odyssee an Arztbesuchen hinter sich haben. Denen wurden Sätze gesagt wie, da müssen wir einfach nur mal spritzen, oder, so eine krumme Wirbelsäule habe ich ja noch nie gesehen. Nichts hilft und am Ende hört den Patienten niemand mehr zu. Durch den chronischen Schmerz, den man schon viele Jahre ertragen hat und die ganzen Frusterfahrungen, führt das bei vielen zu einer begleitenden Depression.“
Evangelisches Klinikum setzt auf modernen interdisziplinären Ansatz
Genau hier setzt das Gelsenkirchener Modell an. Schröder möchte ihre Patienten gut kennenlernen, Vertrauen aufbauen und die Zusammenhänge von Schmerz, Psyche und sozialem Umfeld mit ihnen herausarbeiten. Hierfür arbeitet sie mit einem interdisziplinären Team aus Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, hoch spezialisierten Pain-Nurses und Ernährungsberatern eng zusammen. Denn wesentlich für den Therapieerfolg und für Schröder nicht verhandelbar ist, dass die Absprache, Abstimmung und Betreuung der Patient:innen immer im Team mit allen Therapeuten stattfinden. So entstehen individuelle Pläne für die Patient:innen mit denen sie schon am ersten Tag ihr Therapieprogramm starten.
Und dieses Programm kann sich sehen lassen: Im Einzel- und Gruppensetting finden regelmäßig ärztliche und psychologische Gespräche statt. Im Rahmen von Schulungen werden die Patient:innen in Fragen von Ernährung und Alltags- und Berufsgestaltung beraten. Durch das Erlernen von Entspannungsübungen und Körperreisen lernen die Patient:innen ihren Schmerz loszulassen um dann in der Ergo- und Physiotherapie die Muskulatur zu mobilisieren. Ergänzt wird das Programm durch Akupunktur und weitere Angebote zum „reinschnuppern“ wie zum Beispiel Gerätefitness oder Nordic-Walking Gruppen. So entsteht ein Blumenstrauß an Möglichkeiten und die Patient:innen können lernen, was für sie dauerhaft im Alltag funktioniert.
Die Übertragung des Gelernten auf den Alltag ist ein wichtiger Faktor und war ausschlaggebend, warum statt eines stationären Angebots eine Tagesklinik eröffnet wurde. „Wichtig ist, dass die Patienten sehen, dass hier ein Prozess in Gang kommt und dass sie nicht alleine sind. Wir möchten sie für eine gewisse Zeit aus ihrem System und ihrem Alltag herausholen und ihnen aufzeigen, wie sie ihr Leben anders gestalten können und wie sie sich viele Dinge erleichtern können. Diese Erfahrungen sollen sie zuhause abends und am Wochenende mit ihrem Alltag abgleichen, testen und ausprobieren was geht und was nicht geht“, erklärt Schröder. „So können wir Stück für Stück gemeinsam mit den Patient:innen neue Perspektiven aufzeigen und entwickeln und sie so aus dem Schmerz-Kreislauf befreien.“
Anmeldung über die Schmerzambulanz
Die Tagesklinik steht allen betroffenen Patient:innen offen. Für die erste Anmeldung reicht eine Überweisung durch den Haus- oder Facharzt an die Schmerzambulanz des Evangelischen Klinikums Gelsenkirchen. Termine können unter der Telefonnummer 0209 / 160-3601 vereinbart werden.